Is there anybody out there? – Roger Waters – The Wall 10./11. Juni 2011 in Hamburg

Roger Waters The Wall - 11-06-2011

Eindeutiges Indiz, dass man nicht mehr ganz richtig ist: Man geht an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf ein und dasselbe Konzert. So passiert dieses Wochenende in Hamburg. Roger Waters. The Wall Tour 2010/2011. Seit Monaten fiebre ich wie wild auf dieses Ereignis zu und dann endlich war es soweit. Am Freitag bin ich schon wie geplättet aus der O2 World gegangen. Es war so unfassbar, was für ein Spektakel man dort auf der Bühne gesehen hatte. Neudeutsch würde ich behauptet, dass ich total “geflashed” war. Mir fallen jetzt noch kaum Worte ein, die Show würdig zu beschreiben. Wahnwitzig, wie ich irgendwie war, ging ich (immer noch “geflashed”) am Samstag Mittag online, um mal zu schauen, wie die Aktien bezüglich Karten für den Abend stehen, für das zweite Konzert von The Wall in Hamburg. Und die Aktien standen unglaublich gut! Etwa Zwanzig Minuten später hatte ich offiziell eine Karte für The Wall am 11. Juni ersteigert. Und es war nicht nur eine Karte, sondern ein Traumplatz in der zweiten Reihe für einen unverschämt guten Preis. Immer noch unglaublich teuer, aber ich wusste ja, dass jeder Euro es wert sein würde. So ereignete es sich also, dass ich zwei Tage hintereinander das großartigste Konzert sehen durfte, auf dem ich je war. Aber es war eigentlich gar kein Konzert, sondern eine Aufführung, ein Spektakel sondergleichen.

Stimmung:
Die Hamburger sind leider nicht bekannt für ihre überschwängliche Euphorie bei Konzerten und so war es auch bei Roger Waters. Es wurde brav geklatscht, das Publikum sah einigermaßen begeistert aus, aber viel mehr war da beim Großteil des Konzertes leider nicht drin. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, wie man die ganze Zeit nur so still dasitzen kann.
Die Stimmung kam zum Höhepunkt, als „Comfortably Numb“ angestimmt wurde. Neben „Another Brick in the Wall“ und „Mother“ einer der populärsten Titel der Wall-Geschichte. Am Freitag standen während des Liedes sehr viele auf, was am Samstag überhaupt nicht der Fall war – zu meiner großen Verwunderung.
Waters animierte zum Schluss hin immer mehr das Publikum, doch etwas mehr Bewegung in die müde Menge zu bringen. Leider nur mit mäßigem Erfolg. Wenn die Hamburger klatschen, ist das wohl offensichtlich schon das höchste der Gefühle. Erst bei den letzten Songs gab es wieder Standing Ovations für die Band, die bei Weitem mehr Enthusiasmus verdient hätte.

 

Konzertablauf:

Set 1:
Offizieller Beginn war 20 Uhr. An beiden Tagen gab es eine kleine Verspätung von 15 Minuten am Freitag und knapp 5 Minuten am Samstag.
Und gleich am Anfang wird einem klar, dass das wohl ein Erlebnis sein wird, was man nie wieder vergisst.
Allein der erste Song „In the Flesh“ zeigte alles auf, was in den nächsten Stunden möglich sein wird. Scheinwerferspiele und Feuerwerk-Fontänen waren noch die einfachsten Effekte. Als der Song seinen Höhepunkt erreicht, fliegt ein Kampfflugzeug üben den Zuschauern quer über die Halle auf die Bühne zu und explodiert auf der rechten Seite zu einem Feuerball.
Auf der kreisrunden Leinwand werden dann verschiedene Bilder von im Krieg gefallenen Menschen gezeigt und man kann verschiedene Daten zu den Personen lesen, u.a. wann und sie geboren und gestorben sind. Das erste Bild war das von Roger Waters Vater, der im Zweiten Weltkrieg fiel.
Spätestens da wurde klar, dass es ein sehr politischer Abend wird. Das Konzept von The Wall wurde von Roger Waters über die Jahre immer wieder verändert, sodass die politischen und sozialkritischen Züge mittlerweile immer mehr überhand nehmen.
Während „The Happiest Days of our Lives“ und „Another Brick in the Wall Pt 2“ schwebt auf der rechten Seite der Bühne eine riesige aufblasbare Puppe des Lehrers. Ein Schülerchor kommt auf die Bühne und „singt“ (Playback) den berühmten Refrain „All in all it’s just another brick in the wall“.
Nach dem Song herrscht kurz Stille und Roger Waters begrüßt das Hamburger Publikum mit den Worten „Guten Abend Hamburg, willkommen!“. Wer „The Wall“ kennt, weiß, dass jetzt der Song „Mother“ kommen wird. Waters erzählt den Zuschauern, dass er etwas Besonderes mit ihnen teilen möchte, es ist „an experiment in time travel“. Er wird ein Duett singen, mit seiner „acoustic guitar and along with fucked up little Roger“. Dann stimmte er „Mother“ an und auf der runden Leinwand hinter ihm, sowie auf den schon gebauten Steinen der Mauer, sah man den jungen Roger Waters im Earl Court, London, 1980 eben jenen Song singen. Zusammen mit dem heute 67 Jahre alten Waters im Duett, der vor dem Publikum live auf der Bühne stand.
Im weiteren Verlauf des Songs wurde er von Sänger Robbie Wyckoff unterstützt, der bei der Tour die Parts übernimmt, die im Original von David Gilmour gesungen werden.
Bei dem Song „Goodbye blue sky“ sah man auf der Leinwand Kampfflieger über eine Stadt ziehen. Diese ließen allerdings keine Bomben fallen, sondern verschiedene Symbole. Darunter unter anderem Kreuze, Davidsterne, Mercedes Sterne, Dollar Zeichen, Hammer und Sichel, Totenköpfe, sowie das Zeichen der Fastfood Kette McDonalds und des Ölkonzerns Shell.
Jeder einzelne Song wurde mit individuellen Aufnahmen auf wirklich faszinierender Art und Weise untermalt. Waters versteht es, zu den Liedern genau die richtige Stimmung einzufangen und dazu passende Bilder auf die Leinwand zu bringen.
Man muss es wirklich gesehen haben.
Nach dem 15. Song „Goodbye cruel world“ stand die Mauer komplett und die Show ging für ca. 20 Minuten in die Pause.

Set 2:
Der zweite Teil geht sehr ruhig los. Während der ersten Songs wird fast komplett auf eindringliche Projizierungen verzichtet und man sieht einfach nur die schlichte Mauer. Als „Nobody home“ beginnt, sitzt Waters auf einem Mauervorsprung gemütlich auf einem Sessel in einer einfachen Wohnzimmerkulisse. Während des Songs „Vera“ sah man auf der Leinwand Bilder von Vera Lynn und Aufnahmen von Kindern, wie sie zum ersten Mal seit dem Krieg ihre Väter wiedersehen. Die Songs und Aufnahmen gehen alle nahtlos ineinander über.
Und dann DER Song der Abends. „Comfortably Numb“. Die Stimmung im Publikum war auf einmal eine ganz andere, jeder wusste, dass jetzt dieser magische Song kommen würde. Roger Waters sang die ersten Zeilen und man wartete sehnlichst auf den Gilmour Part. Doch wie erwartet sang es nicht David Gilmour, sondern die Stimme war die von Robbie Wyckoff. Und das merkte man. Für mich hat der Song sehr viel von seinem Charme eingebüßt. Niemand, wirklich niemand ersetzt David Gilmour. Vor allem, wenn man das mit einer totalen Durchschnittsstimme versucht. Ich zitiere an dieser Stelle auch einfach mal robbiewyckoff.com: “Robbie has recorded and performed with an inimitable group of artists such as: Diana Ross, Barbara Streisand, Celine Dion, Natalie Cole, [...] “ Das sagt ja irgendwie schon alles. Van Morrison 1990 in Berlin – das war eine gute Wahl. Seine Stimme hat Charakter und genau das braucht der Song auch. Aber lassen wir das Thema einfach.
Es war ja trotzdem irgendwie das Highlight des ganzen Konzerts. Vor allem liegt das aber auch an der grandiosen visuellen Umsetzung des Songs. Zum Ende hin steht Roger Waters vor der Mauer und schlägt mit beiden Fäusten gegen sie, bis sie mit einem faszinierenden Farbspiel explodiert und sich dann auf der Leinwand riesige Säulen erstrecken.
Im Anschluss daran sah man Waters vor den bekannten marschierenden Hämmern. Über dem Publikum flog ein riesiges Schwein mit etlichen Parolen darauf. Unter anderem „Everything will be ok – just keep consuming“. Das Ganze hatte nun sehr viele Parallelen zu den Bildern, die man vom Zweiten Weltkrieg vor Augen hat. Auf der Leinwand sah man nun verschiedene Worte und Bilder, die Bezug auf den Konzern Apple nahmen. Das Bild von einem Schwein stand neben dem Wort „iLead“, Hunde neben dem Wort „iFollow“, politische Figuren wie George Bush oder Hitler sah man ebenfalls im Großformat. „iBelieve“ und „iPaint“ wurde ihnen zugeschrieben.
Während der letzten Songs gab es optisch auf der Mauer auch noch die Animationen von Gerald Scarfe, der als Künstler bei etlichen Pink Floyd Projekten mitwirkte und seine Animationen auch im „The Wall“ Film liefen.
Als die Show zum Ende kommt, hört man Publikumsrufe, wie sie „Tear down the Wall“ schreien. Dann fällt die Mauer komplett in sich zusammen.

Setlist:
Set 1:
01. In the Flesh?
02. The Thin Ice
03. Another Brick in the Wall Pt 1
04. The Happiest Days of our Lives
05. Another Brick in the Wall Pt 2
06. Mother
07. Goodbye Blue Sky
08. Empty Spaces
09. What shall we do now?
10. Young Lust
11. One of my turns
12. Don’t leave me now
13. Another Brick in the Wall Pt 3
14. The Last Few Bricks
15. Goodbye Cruel World

ca. 20 Minuten Pause

Set 2:
16. Hey You
17. Is there anybody out there?
18. Nobody Home
19. Vera
20. Bring the boys back home
21. Comfortably Numb
22. The Show must go on
23. In the Flesh
24. Run like hell
25. Waiting for worms
26. Stop
27. The Trial
28. Outside the Wall

Fazit:
Wie schon gesagt, man muss es erlebt haben. Ich könnte hier noch stundenlang so weiter schreiben und das Ganze versuchen in Worte zu packen, was ich gesehen und erlebt habe. Aber das kann man gar nicht. So viele Eindrücke, es war unglaublich. Der Sound war perfekt, die Effekte grandios. Es war rundum ein beispielloses Ereignis.
Ich finde den Vergleich der Bühne auch interessant, wenn man sich die Show in Berlin 1990 ansieht. Diese Wandlung, die Roger Waters betrieben und die Show in die heutige Zeit versetzt hat. Es hat genau die richtige Zeit abgewartet. 30 Jahre nachdem The Wall veröffentlicht wurde, ist es heute noch genau so aktuell wie damals. Und Roger Waters selbst war mindestens in genau so einer Topform wie das ganze Stück. Die Show ist wirklich etwas, das seinesgleichen sucht. Einfach nur Weltklasse.

Roger Waters The Wall - 11-06-2011

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