Bob Dylan – Hamburg 26.6.2011 – Seit 20 Jahren auf Abschiedstour

Unspektakulärer könnte ein Konzert nicht sein. Um es kurz zu fassen: Dylan ging auf die Bühne, spielte sein Programm ab und war dann wieder hinter der Bühne verschwunden.
Es war schon erstaunlich trocken. Ich frage mich, wann er die Begeisterung an seinem Job verloren hat und wieso er ihn überhaupt noch ausübt.
Außer seiner Musik brachte er kein Wort zum Publikum über die Lippen. Ab und zu kam ihm auch ein Lächeln über das Gesicht. Ich war schon sehr erstaunt, als er beim vorletzten Song die Band vorstellte – denn das tut er gewiss nicht bei jedem Konzert.
Aber im Grunde .. was will man mehr, als einen Bob Dylan auf der Bühne, der seine besten Songs spielt?! Exzentrisch und etwas „eigen“ war er schon immer. Was er sagen möchte, sagt er mit seinen großartigen Texten und seiner unverwechselbaren Musik. Es wirkt aber schon leicht unsympathisch.

Die Songs waren eine sehr gute Mischung aus alten und neuen Songs. Viele Klassiker waren dabei wie Don’t think twice it’s alright, To Ramona, Tanged up in Blue, Highway 61, Visions to Johanna und dann natürlich die drei Songs der Zugabe: Like a Rolling Stone, All Along the Watchtower und Forever Young.
Diese Klassiker waren auch die Highlights für das Publikum und man merkte, wie die Stimmung hochging, als er zum Beispiel Tangled up in Blue sang.
Zwischen den Songs wechselte er immer mal wieder die Position von Orgel zu Mundharmonika und einmal – leider nur einmal – zur Gitarre.

Bei den Grammy Awards (ich berichtete) im Februar dieses Jahres hatte er einen Auftritt mit der Folk-Rockband Mumford & Sons und den Avett Brothers. Damals spielte er seinen bekannten Song „Maggie’s Farm“, der in seiner Tour-Setlist nicht nur in Hamburg, sondern auf sämtlichen Konzerten fehlt. Schade.
Seine Stimme klang bei dem Grammy Auftritt mehr als kläglich, aber beim heutigen Konzert war sie – für Dylans Begriffe – okay. Natürlich klingt er heute mehr wie ein Reibeisen denn je, aber um einiges besser als bei der Grammy Verleihung.
Ich muss allerdings gestehen, dass manche Lyrics einfach unverständlich sind. Am Anfang mancher Songs habe ich mich ernsthaft gefragt, welchen Song er da überhaupt spielt.
Jedenfalls wurde der allgemeine Eindruck von den Grammys definitiv bestätigt.

Fazit:
Am 24.Mai feierte Bob Dylan seinen 70. Geburtstag. Mittlerweile muss man zugeben, dass Dylan einer der Künstler ist, denen es besser getan hätte, früher in Rente zu gehen. Stattdessen spielt er hunderte von Konzerten im Jahr, bringt Weihnachtsalben raus, die die Menschheit nicht braucht, und verkauft seine Musik meistbietend an die erstbeste Werbekampagne (u.a. Pepsi und Victoria’s Secret – muss das wirklich sein!?).
Auf der Bühne macht er roboterartig nur noch das, was er muss. Und Die Zuschauer bezahlen, „um ihn noch einmal zu sehen“. Es ist ein Bühnenabschied, der mittlerweile mehr als 20 Jahre andauert.
Was mich außerdem enttäuscht hat: Er hat nur einen (!) Song mit der Gitarre selbst gespielt. Alle anderen saß er entweder an der Orgel oder spielte seine Mundharmonika.

Alles in Allem: Es wirkt blasphemisch, überhaupt etwas Negatives über diesen Ausnahmekünstler zu sagen. Aber er hätte wirklich schon vor Jahren mit dem Touren aufhören sollen, anstatt ewig mit einem „Best Of“ durch die Welt zu reisen. So wie das Konzert heute war, könnte man sich auch zu Hause vor die Soundanlage setzen, eine Dylan Bootleg-CD einlegen und ein Bild von ihm anstarren. Irgendwie hätte das kaum einen anderen Effekt als das Konzert heute.
Ich liebe Bob Dylan wirklich sehr und es tut mir weh, das alles sagen zu müssen. Aber er hätte schon viel früher Abschied von der Bühne nehmen müssen. Dann wäre er jetzt die Legende, wie er es verdient hätte eine zu sein. Und nicht der alte Mann, der nicht weiß, wann Schluss ist.
Ich frage mich wirklich, wieso er das alles macht. Wer mit so einer anscheinenden Lieblosigkeit an seine Arbeit geht, sollte sie besser gar nicht mehr ausführen. Er sollte sich eine hübsche Weinplantage in Kalifornien suchen oder sich in Woodstock zur Ruhe setzen.

Setlist:
1. Leopard-Skin Pill-Box Hat
2. Don’t Think Twice, It’s All Right
3. Things Have Changed
4. I Don’t Believe You (She Acts Like We Never Have Met)
5. Beyond Here Lies Nothin’ (Bob an der Gitarre)
6. To Ramona
7. Cold Irons Bound
8. Tangled Up In Blue
9. Summer Days
10. Tryin’ To Get To Heaven
11. Highway 61 Revisited
12. Visions Of Johanna
13. Thunder On The Mountain
14. Ballad Of A Thin Man

Encore:
15. Like A Rolling Stone
16. All Along The Watchtower
17. Forever Young

1 Comment

  • July 22, 2011

    Oli4N

    Hab es leider verpasst :( Dafür freue ich mich aber um so mehr auf den 31.10. Wobei ich bezweifle, dass er dort seine Bühnenperformance groß ändern wird (und seine Songs fast zur Unkenntlichkeit neu-interpretiert werden). Aber wie heisst es doch so schön: Einmal Dylan sehn und sterben ;)

    Btw: Grandioser Musikgeschmack!

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